Struktur ist das Fundament: Warum Vielfalt verankert werden muss

Bewusstsein ist wichtig. Gute Zusammenarbeit auch. Aber beides hängt oft an engagierten Einzelnen. Wenn sie gehen, bröckelt, was aufgebaut wurde.
ein Afrikaner und eine syrischstämmige Europäerin

Auf diesem Foto lachen zwei Menschen in die Kamera. Was man nicht sieht: Der Mann neben mir ist Bischof Dr. Abednego Keshomshahara aus Tansania, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Vereinten Evangelischen Mission. Er sitzt nicht als Gast am Tisch. Er leitet ihn. Genau darum geht es auf der dritten Ebene meines Drei-Ebenen-Modells: Struktur.

Wenn gute Zusammenarbeit nicht reicht

In den ersten beiden Teilen dieser Reihe ging es um Bewusstsein und Zusammenarbeit. Beides ist unverzichtbar. Aber beides hat eine Schwachstelle: Es hängt oft an engagierten Einzelnen. An der Pfarrerin, die die internationale Gemeinde einlädt. Am Geschäftsführer, der Partner aus dem globalen Süden in Entscheidungen einbezieht. Am Ehrenamtlichen, der seit Jahren die Partnerschaft trägt. Wenn diese Menschen gehen, bröckelt oft, was sie aufgebaut haben. Nicht weil andere es nicht wollen, sondern weil nichts davon festgeschrieben war.

Was Struktur konkret bedeutet

Struktur heißt, Beteiligung so zu verankern, dass sie unabhängig von einzelnen Personen bleibt. Drei Bereiche sind dafür entscheidend: Leitungsgremien. Kulturelle Vielfalt zeigt sich in vielen Organisationen auf Fotos und in Teams. In Synoden, Presbyterien, Vorständen und Aufsichtsräten ist sie dagegen selten. Ein Beispiel: Kirchen zählen inzwischen, wie viele Frauen in ihren Leitungsgremien sitzen. Wie viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte dort sitzen, wird kaum erfasst. Geld. Interkulturelle Initiativen bekommen häufig Projektmittel, aber selten Regelbudgets. Sie werden gefördert, nicht ausgestattet. Wenn die Mittel auslaufen, steht alles infrage, nicht weil die Arbeit schlecht wäre, sondern weil niemand aus der Initiative mit am Tisch saß, als über den Haushalt entschieden wurde. Regeln. Leitbilder beschreiben Werte. Satzungen und Geschäftsordnungen legen fest, wer mitentscheidet. Erst wenn Beteiligung dort steht, ist sie mehr als guter Wille.

Teilhabe ist eine Disziplin

Dass strukturelle Veränderung möglich ist, zeigt die Vereinte Evangelische Mission. Seit 1996 arbeiten dort Kirchen aus Afrika, Asien und Deutschland als gleichberechtigte Mitglieder zusammen, mit paritätisch besetzten Gremien und internationaler Leitung. Lusungu Mbilinyi, tansanischer Pfarrer und früherer Mitarbeiter der VEM in Deutschland, hat es so beschrieben: „Teilhabe ist kein Zustand, sondern eine Disziplin, die durch Demut, Reue und strukturelle Veränderungen kultiviert wird.“ Strukturen sind also kein Endpunkt. Sie sind der Rahmen, in dem Machtteilung immer wieder neu gelebt werden muss.

Drei Fragen für eure Organisation

  1. Wer sitzt bei euch in den Gremien, die über Personal, Budgets und Strategie entscheiden?
  2. Steht die Beteiligung von Menschen mit internationaler Geschichte in eurer Satzung oder nur in Absichtserklärungen?
  3. Wenn die engagierteste Person eurer Organisation morgen geht: Bleibt ihre Beteiligung strukturell abgesichert, oder verschwindet sie mit ihr?

Das Fundament, das man nicht sieht

Im letzten Teil dieser Reihe habe ich Zusammenarbeit mit einer Baustelle verglichen. Struktur ist das Fundament dieses Hauses. Man sieht es am Ende nicht, und doch steht alles darauf.Kulturelle Vielfalt ohne geteilte Entscheidungsmacht ist Dekoration. Erst Strukturen machen aus Vielfalt gelebte Machtteilung.

Dieser Beitrag greift Gedanken aus meinem Buch „Bunt ist nicht genug“ auf, das im Februar 2027 im Neukirchener Verlag erscheint.

Eure

Martina

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