Zusammenarbeit ist eine Baustelle

Warum transkulturelle Zusammenarbeit nie fertig ist, wer über das Geld entscheidet und was Gegenseitigkeit wirklich bedeutet. Teil 2 der Reihe zum Drei-Ebenen-Modell.
Zusammenarbeit ist eine Baustelle

Wer mich mit Helm und Warnweste sieht, könnte denken: So riskant ist also transkulturelle Zusammenarbeit. Ganz so schlimm ist es nicht. Ich war bei einer Baustellenbesichtigung von Wuppertalaktiv! Aber ganz falsch ist der Gedanke auch nicht, denn Zusammenarbeit ist tatsächlich eine Baustelle. Was mich an Baustellen immer beeindruckt: Niemand baut allein. Planung, Statik, Mauerwerk, Dach, Innenausbau, Technik. Jedes Gewerk bringt etwas anderes mit und erst zusammen entsteht etwas, das trägt.

Transkulturelle Zusammenarbeit ist genauso eine Baustelle. Sie ist nie fertig. Es staubt, es wird umgeplant, manchmal passt etwas nicht zusammen und es gibt Konflikte, die ausgetragen werden müssen, damit die „Statik“ wieder stimmt.

In dieser Reihe geht es um die drei Ebenen, auf denen sich entscheidet, ob kulturelle Vielfalt mehr ist als ein Schaufenster: Bewusstsein, Zusammenarbeit, Struktur. Heute geht es um die zweite Ebene.

Viele Gemeinden und Organisationen sind stolz auf ihre Vielfalt und das oft zu Recht. Es gibt internationale Feste, mehrsprachige Gottesdienste, die Partnergemeinde in Tansania oder Indonesien.

Nebeneinander ist noch nicht miteinander

Doch Begegnung ist noch keine Zusammenarbeit. Zusammenarbeit beginnt dort, wo Menschen mit unterschiedlicher Prägung gemeinsam Verantwortung tragen: für Planung, für Inhalte, für das, was schiefgeht. Solange die einen gestalten und die anderen eingeladen werden, bleibt es beim Nebeneinander.

Wer zahlt, bestimmt

Kaum etwas zeigt so deutlich, wie es um Zusammenarbeit steht, wie der Umgang mit Geld. Finanzielle Mittel sind nicht neutral. Wer über sie verfügt, entscheidet in der Regel auch, welche Projekte entstehen und welche Stimmen gehört werden.

Interkulturelle Initiativen bekommen häufig Projektmittel, aber selten Regelbudgets. Sie werden gefördert, nicht ausgestattet.

Ein Beispiel: Eine interkulturelle Gemeinde wird gegründet und ausdrücklich begrüßt. Es gibt eine befristete Projektstelle, die Arbeit blüht, die Gemeinde wird öffentlich als Vorzeigeprojekt präsentiert. Ein eigenes Budget hat sie nicht, ebenso wenig einen Sitz in den Gremien, die über den Haushalt entscheiden. Als die Projektmittel auslaufen, steht alles infrage, nicht weil der Erfolg fehlt, sondern aus haushaltspolitischen Gründen.

Und hier wird klar: Zusammenarbeit scheitert dort, wo finanzielle Verantwortung nicht geteilt wird.

Wenn die Hilfe aus dem Süden kommt

Wie tief das Geber-Nehmer-Denken sitzt, zeigte sich 2021 nach der Flut im Ahrtal. Partnerkirchen aus Afrika und Asien schickten Hilfe in die Evangelische Kirche im Rheinland. Eine typische Reaktion in Deutschland: „Ihr könnt den Afrikanern doch nicht ihr Geld wegnehmen!“ Der Satz war fürsorglich gemeint. Und doch bestätigte er genau das Bild, das er überwinden wollte: Afrika als bedürftig, aber nie als Geber.

Echte Gegenseitigkeit irritiert. Wer jahrzehntelang gewohnt war zu geben, weiß oft nicht, wie man empfängt. Gerade deshalb ist diese Umkehrung ein Prüfstein: Partnerschaft ist keine Einbahnstraße.

Konflikte gehören dazu

Auf einer Baustelle trägt jeder einen Helm. Nicht, weil man mit dem Schlimmsten rechnet, sondern weil klar ist: Hier wird gearbeitet, hier kann etwas schiefgehen und das gehört dazu.

Diese Haltung wünsche ich mir auch für die transkulturelle Zusammenarbeit. Zusammenarbeit über kulturelle Grenzen hinweg ist selten reibungslos. Wie führt man? Wie direkt darf Kritik sein? Wer spricht zuerst? Unterschiedliche Vorstellungen davon sind keine Störung, sondern der eigentliche Lernstoff. Und das liegt oft gar nicht an Inhalten, sondern vielmehr daran, wie kommuniziert wird.

In einer Sitzung schweigt jemand. Die einen deuten das als Zustimmung, für den anderen ist Schweigen die höfliche Form des Widerspruchs. Ein „Ja“ kann heißen „Ich bin einverstanden“, aber auch „Ich habe dich verstanden“. Manchmal äußert sich Ablehnung in einem „vielleicht“. Direkte Kritik gilt den einen als ehrlich, den anderen als Gesichtsverlust. Und wer in einer Runde zuerst spricht, folgt in vielen Kulturen einer klaren Rangordnung.

Solche Unterschiede führen zwangsläufig zu Missverständnissen. Problematisch wird es erst, wenn sie stillschweigend aufgelöst werden: Dann gilt der Kommunikationsstil der Mehrheit als Normalfall und alle anderen müssen sich anpassen. Wer nicht laut und direkt widerspricht, wird überhört.

Gute Zusammenarbeit heißt deshalb nicht, Konflikte zu vermeiden. Sie heißt, darüber zu sprechen, wie wir miteinander sprechen. Und sie heißt, Konflikte auszutragen, statt sie zugunsten des Gewohnten zu entscheiden.

Drei Fragen für eure Zusammenarbeit

  1. Wer legt bei euch Themen und Schwerpunkte fest – sind es immer dieselben Leute?
  2. Gibt es ein Beispiel, bei dem ihr von euren Partnern aus dem globalen Süden gelernt habt und nicht nur umgekehrt?
  3. Wie geht ihr mit interkulturellen Konflikten über Führung und Kommunikation um: Werden sie ausgetragen oder stillschweigend zugunsten des Gewohnten entschieden?

Und dann?

Irgendwann muss aus der Baustelle ein Haus werden, mit einem Fundament, das auch dann noch trägt, wenn die ersten Bauarbeiter längst weitergezogen sind.

Wie das gelingt, zeige ich im nächsten Teil: Struktur.

Dieser Beitrag greift Gedanken aus meinem Buch „Bunt ist nicht genug“ auf, das im Februar 2027 im Neukirchener Verlag erscheint.

Herzlichst

Eure Martina

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