Ich arbeite seit 24 Jahren in einer Organisation, die kulturelle Vielfalt nicht als Programmpunkt versteht, sondern als Grundprinzip. Die Vereinte Evangelische Mission verbindet Kirchen aus Deutschland, Afrika und Asien – strukturell so gebaut, dass keine Region dominiert, alle Sprachen gehört werden und Entscheidungen wirklich gemeinsam getroffen werden.
Und trotzdem habe ich in all diesen Jahren immer wieder dasselbe beobachtet: Vielfalt wird gezeigt. Aber Macht wird nicht geteilt.
Das klingt zunächst wie ein Detail. Es ist keines.
Der blinde Fleck der Diversitätsarbeit
Viele Kirchen und NGOs arbeiten heute ernsthaft an interkultureller Öffnung. Es gibt Antirassismus-Trainings, interkulturelle Begegnungen, Diversity-Beauftragte. Und doch bleiben Leitungspositionen überwiegend kulturell homogen besetzt. Internationale Stimmen werden gehört – aber selten entscheidungsrelevant. Partizipation wird betont, aber nicht in Strukturen übersetzt.
Woran liegt das? Aus meiner Erfahrung nicht an fehlendem guten Willen. Es liegt daran, dass Vielfalt fast ausschließlich auf zwei Ebenen bearbeitet wird – der Ebene der Sensibilisierung und der Ebene der operativen Zusammenarbeit. Eine dritte Ebene wird übersehen: die strukturelle. Und genau dort sitzt die Macht.
Drei Ebenen – und eine entscheidende Lücke
Ich habe aus meiner Arbeit bei der VEM ein Modell entwickelt, das ich das Modell struktureller Machtteilung nenne. Es beschreibt transkulturelle Transformation als Zusammenspiel dreier Ebenen:
Ebene 1 – Bewusstsein. Haltung, Wahrnehmung, interkulturelle Sensibilität. Diese Ebene ist in vielen Organisationen gut entwickelt. Sie ist notwendig – aber sie verändert keine Strukturen.
Ebene 2 – Zusammenarbeit. Operative Praxis, interkulturelle Kommunikation, gemeinsame Projektarbeit. Auch hier gibt es vielerorts echte Fortschritte. Aber ohne die dritte Ebene bleiben sie strukturell folgenlos.
Ebene 3 – Struktur. Governance, Entscheidungsmacht, Ressourcenverteilung, institutionelle Verantwortung. Diese Ebene ist der am häufigsten vernachlässigte – und der entscheidende – Faktor. Wer sie ausblendet, betreibt Diversitätssymbolik. Keine Transformation.
Die Kernthese lautet: Maßnahmen auf Ebene 1 und 2 ohne Veränderung auf Ebene 3 schaffen den Anschein von Wandel, ohne ihn zu vollziehen.
Was das in der Praxis bedeutet
Die VEM ist kein Idealmodell. Sie ist ein realer Lernort – einer, in dem diese Fragen offen verhandelt wurden. Leitungsverantwortung wurde tatsächlich geteilt. Entscheidungsstrukturen wurden so gebaut, dass Standpunkte aus dem Globalen Süden nicht überstimmt werden können.
Und trotzdem kennt auch die VEM Rückschritte. Nach Fidon Mwombeki, dem ersten Generalsekretär aus dem Globalen Süden, dominierten für acht Jahre wieder kulturell homogene Leitungsstrukturen – obwohl die Satzung etwas anderes vorsah. Das zeigt: Strukturelle Machtteilung ist kein einmaliger Umbau. Sie muss institutionell verankert und dauerhaft durchgesetzt werden – sonst bleibt sie reversibel.
Das ist keine Theorie. Das ist gelebte Praxis mit all ihren Widersprüchen.
Warum das gerade jetzt wichtig ist
Kirchen und NGOs stehen unter wachsendem Transformationsdruck. Die Anforderungen an echte Teilhabe in einer postmigrantischen Gesellschaft steigen. Eine jüngere Generation von Mitarbeitenden mit eigener Migrationsgeschichte wird symbolische Partizipation nicht mehr als Fortschritt akzeptieren.
Wer jetzt nur auf Ebene 1 und 2 investiert, wird dieser Entwicklung nicht standhalten. Nicht weil der Wille fehlt – sondern weil überkommene Strukturen die Transformationsabsicht konterkarieren.
Eine persönliche Frage
Ich habe dieses Modell nicht im akademischen Elfenbeinturm entwickelt, sondern aus 24 Jahren Beobachtung und Mitgestaltung. Als Kind deutsch-syrischer Herkunft weiß ich auch aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, dazuzugehören und gleichzeitig fremd zu sein. Diese Erfahrung prägt mein Denken bis heute.
Was mich antreibt, ist nicht die Frage, ob Kirchen und NGOs Vielfalt wollen. Das wollen sie. Die Frage ist, ob sie bereit sind, dafür Macht zu teilen – und sich dadurch selbst zu verändern. Das ist eine andere Frage. Und sie ist unbequemer.
In meinem Buch „Bunt ist nicht genug – Kulturelle Vielfalt und die Machtfrage in Kirche und NGOs“ (Neukirchener Verlag, 8. Februar 2027) entfalte ich dieses Modell ausführlich und zeige, was strukturelle Machtteilung konkret bedeutet – für Governance, Führung und institutionellen Wandel. Für alle, die vorab in das Thema einsteigen möchten, stehe ich gerne für einen Austausch zur Verfügung.
Eure
Martina Pauly


